Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Jubilee {Derek Jarman, 1978}

jubilee

Damals, als Punk noch neu war, da begrub Derek Jarman ihn sogleich jubilierend. Vivienne Westwood vergoß ihre Tränen auf einem T-Shirt und auch viele andere Szenemenschen waren unbegeistert. Noch heute scheiden sich die Geister daran, ob Jubilee der beste Film über Punk ist, ob er der schlechteste Film über Punk ist, ob er überhaupt ein ganz furchtbar miserabler und prätentiöser Kunstfick ist, oder eine poetisch-prägnant-präzise Darstellung des britischen Erstickens.

Dass ein Mensch wie Jarman in den Siebzigern an Punks gerät, ist unvermeidlich; dass er keiner von ihnen sein würde, nicht überraschend; deshalb ist Jubilee kein Film über Punk – der Punk kam eben des Weges, erfüllte diese Jahre, in denen Jarman Jubilee drehte und wenn Jubilee etwas ist, dann eine Momentaufnahme. Er mag ein bißchen postapokalyptisch wirken, ein bißchen futuristisch, auf eine A Clockwork Orange-Art und -Weise, aber eigentlich hat Jarman da in die Erde gegriffen und ein Stück Jetzt ’77\’78 in seiner Faust herausgehoben. Die Ruinen, der Schutt, alles Überbleibsel vom zweiten Weltkrieg; die Darsteller zum Teil (spätere) Szenegrößen, Musikgeschichte. Klar, dass die Ans-Bein-Pisser sich nicht gerne selbst ans Bein pissen lassen. Und klar, dass sich eine Vivienne Westwood heute einen Dreck drum schert, mehr als etabliert zu sein. Gegen etwas zu sein und andere Etablierte anzuprangern ist vollkommen okay, so lange man selbst nicht zum Mainstream gehört; aber eigentlich ist Revolte immer nur ein [stummer] Schrei [nach Liebe —] der Unzufriedenheit, nicht selbst die Krone tragen zu dürfen. Und während so einige der damaligen Punks genau das taten, was Jarman ihnen in Form des fröhlichen Medien-Bösewichts Borgia Ginz ins Gesicht hinein prophezeite (wie schön Adam Ant sich selbst auf dem TV-Bildschirm ableckt…!), machte Jarman weiter mit seinen Filmen, scherte sich nicht zu sehr um Erwartungen und setzte sogar kurz vor seinem Tod allen, die sich tatsächlich von sehr persönlicher Kunst so unglaublich angegriffen fühlen, dass man glaubt es gehe um das Leben ihrer Erstgeborenen, mit Blue einen dampfenden Kackhaufen vor’s Gesicht, der die Gemüter selbst heute noch, zwanzig Jahre später, erhitzt.

Derweil hat die Queen sämtliche God shave the Queen-Collagen und so einige Punks überlebt und wird ihren Thron vermutlich auch niemals mehr verlassen müssen, wissenschaftlichem Fortschritt sei Dank.

Jubilee ist großartig überbrodend aufgeregt und überquellend an zitierenswerten Worten und Gedanken. Wenn man aber einen Punk-Film erwartet, wird man bitter enttäuscht. (Das ist ungefähr so wie mit Wargasm in Pornotopia, einem ziemlich coolen Stück aus dem Jubilee-Soundtrack, das aber nicht wirklich das erfüllt, was man sich von ihm verspricht (so wie z.B. Nick Zedds Whoregasm es tut).) ■(Malina)

» Stills & .gifs

Ansehen.

Jubilee – A Time Less Golden, eine kleine Doku über die Dreharbeiten.

++ Ein netter Blogartikel voller Erinnerungen von Jenny Runacre, die in Jubilee Queen Elizabeth I. und Bod spielte. (Ein bißchen unheimlich find‘ ich, dass Adam Ant und Johnny Depp heute ein und dieselbe Person sein könnten…uuuhhuuuuh…)

Ein Kommentar zu “Jubilee {Derek Jarman, 1978}

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. September 2014 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , .
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