Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Vital {Shinya Tsukamoto, 2004}

vital

Hiroshi kann sich nicht mehr an sein Leben vor seinem Autounfall erinnern; er erinnert sich nicht mehr daran, dass seine Freundin Ryoko an den Folgen des Unfalls verstarb, er erinnert sich nicht mehr daran, Medizinstudent gewesen zu sein. Aber sein Körper genest und irgendwann findet er wieder zum Medizinstudium. Dort wirft Ikumi, eine Musterstudentin, ihre Augen auf den eigenbrödlerischen, intelligenten Hiroshi und wenn es endlich an das Sezieren von Leichen geht, sucht sie immer mehr seine Nähe. [Ab hier: SpoilerSpoiler] Die Leiche, die Hiroshi und einige seiner Kommilitonen mehrere Wochen lang von Kopf bis Fuß, von Haut bis Innerei untersuchen müssen, stellt sich recht bald schon als Ryoko heraus und Hiroshi beginnt sich bruchstückhaft daran zu erinnern, wie sie die Tage in seiner Wohnung verbrachten, sich gegenseitig würgten, miteinander sprachen oder einfach nur beisammen waren. Gleichzeitig beginnt er eine Beziehung mit Ikumi, die ein Echo seiner Beziehung zu Ryoko zu sein scheint. Nachdem er, bis auf Ikumi, alle seine Kommilitonen vergrault hat, kann er sich der Sektion Ryokos vollkommen hingeben. Nun erinnert er sich nicht nur an Ryoko, sondern trifft sie an menschenleeren Orten – an Felshöhlen, am Meer, an einem See und schließlich in einem Feld. Tsukamoto trennt diese Treffen optisch sehr stark vom Rest des Films, der die meiste Zeit über in stark blau oder gelblich getönten Bildern gehalten ist; wenn er allerdings Ryoko trifft, sind die Farben echter, realitätsnaher, manchmal ins rosarötlichlila gehend, wie im schönsten Abendrot. Wenn er Ryoko trifft, beobachtet er sie manchmal zunächst aus der Ferne, wie sie ihren Schmerz und ihre Einsamkeit durch ihre Muskeln in tanzende Bewegungen übersetzt. Es bricht das Herz, dies anzusehen und es bricht das Herz, wenn er sie wieder allein lassen muss, wenn er in seine Realität zurück kehrt. Und ich frage mich, was mit ihr ist, wenn er nicht da ist? Ist sie wirklich immerzu allein an diesen Orten, ein bißchen wie Franco Piavolis Odysseus? Oder existiert sie wirklich nur dann, wenn er zugegen ist? Aber wie kann sie mir dann so sehr das Herz brechen? Ist sie vielleicht eine Hari? Ikumi jedenfalls hat als Liebhaberin bald ausgedient und auch das Sektionspraktikum geht irgendwann zu Ende. Hiroshi erlebt noch einen letzten schönen Nachmittag mit Ryoko bevor sie mit einem traurigen Lächeln einfach verschwindet. Er entschuldigt sich bei Ikumi und Ryoko wird endgültig bestattet.

Vital ist ein ruhiger, stiller Film, der aber seltsam unfokussiert scheint, selbst für Tsukamoto, dessen Filmhandlungen nie wirklich rund oder bis ins Kleinste durchdacht wirken. Aber hier fängt er Handlungen an (welche ich oben nicht erwähnt habe), die vollkommen überflüssig scheinen oder sehr offensichtlich im Nichts verlaufen und so wirkt Vital unentschlossen oder ungeschliffen, wie ein Demo-Tape. Auf der anderen Seite aber ist gerade der ganze Handlungsstrang zwischen Hiroshi und Ryoko so schmerzhaft und zerreissend, dass die Kraft dessen über sämtliche Schwächen hinwegsehen lässt. Meine Innereien haben sich bei einem Film schon lange nicht mehr so sehr aus Traurigkeit verknotet und ich glaube nicht, dass es nur daran lag, dass ich an jenem Tag selbst schon viel geweint hatte. ■(Malina)

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Ein Kommentar zu “Vital {Shinya Tsukamoto, 2004}

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. September 2014 von in Filme und getaggt mit , , .
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